Jagdglück im Pfälzerwald

Mitte Mai und es nieselt. Ich habe noch die Regenjacke angezogen. Mit dem Rucksack und der Waffe über der Schulter komme ich jetzt ins Schwitzen. Auf dem Weg hoch zur Kanzel bleibe ich ein paarmal stehen. Lauschen. Wind prüfen. Kleine Pausen.

Die letzten Meter gehe ich dort eh im Pirschgang. Die Kanzel und die Wiese liegen hoch. Ich will dort nicht schlagartig auftauchen. Könnte sein, dass  was da steht auf der Wiese. Und dann will ich derjenige sein, der zuerst sieht. Diesmal ist es anders.

Vermutlich war ich ab da auf seinem Schirm, als ich 250 Meter zurück den Fahrweg verlassen und den Pirschpfad genommen habe. Jetzt, 20 Meter vor der Kanzel, ganz auf Hab-Acht eingestellt, nehme ich eine Bewegung oben drin wahr. Ich bin überrascht.

Und bevor mein Verstand eine Idee prüfen kann, was da oben ist, springt er ab – aus 5 Metern Höhe! Ein Luchs. Er landet auf allen Vieren. Keine 15 Meter vor mir. Und mit dem Hochfedern nach vorne ist er in die Verjüngung verschwunden. Ratzfatz.

Obwohl es erst frühes Büchsenlicht ist, habe ich ihn deutlich gesehen. Der kraftvolle Körper, die Zeichnung, die Pinselohren. Eine Katze, groß wie ein Drahthaar Rüde. Ich schätze eher 30 Kg als 20. Seinen dumpfen Aufschlag habe ich gehört und gespürt. Die Erde als großes Trommelfell. Ich stehe sprachlos da, entzückt, verwundert.

Nachdem ich mich gefangen habe, mache ich die letzten Schritte hin zur Kanzel. Jetzt sehe ich seine Beute. Auf der Wiese liegt ein Stück Rotwild.

Ein schwacher Spießer. Ich sehe die Spuren seines Endes: Schweiß, Wolle, ein eingerissener Lauscher. Der Luchs hat seine Beute am Waidloch angeschnitten.

Was wird der Spießer wiegen? 40 Kg? Auf jeden Fall eine große Beute für den Luchs. Und er wird jetzt eine ganze Weile nachts kommen, um davon zu fressen. Hoffentlich.

 

 

Die Schlafkanzel

Zwergfledermaus in Kanzeldach
Das Bild ist um 180° gedreht. Die Fledermaus “hängt” eigentlich an der Decke. (Siehe Video unten)

Wir haben Jagdgäste in den Kanzeln. Interessant ist, dass die tagsüber in der Kanzel schlafen und dann auf Jagd gehen, wenn ich schon wieder abbaume. Es sind Fledermäuse.

Am 1. Mai morgens bei erstem Büchsenlicht ging es los. Ein gutes Dutzend Fledermäuse ist mir um den Kopf geflogen. Was machen die, habe ich mich gefragt. Hier ist doch gar nicht so ein hohes Beuteaufkommen. Bis dann ruck, zuck eine nach der anderen im Dach der Kanzel verschwunden ist.

Sie hatten mich als harmlos eingestuft und sich getraut, ihre Schlafplätze preiszugeben.

Einschlupf für die Fledermaus
Zwischen den Sparren dahinten gibt es ein bisschen Platz.

Diese Schlafplätze, das sind kleine Einschlüpfe zwischen den Dachsparren und der Dachplane. Vielleicht 15 mm hoch, 4 cm breit und 8 cm tief. Das reicht den kleinen Kerlen und jeder hat sein Appartement.

Wenn ich beim Ansitz so eine Kanzel nehme, mit dieser speziellen Dachkonstruktion, dann guck ich auch immer in die Schlitze, ob sie vielleicht bewohnt sind. Manchmal sind sie es.

Und jetzt habe ich mal einen dieser Schlafgäste fotografiert und gefilmt.

Nachdem ich mich beim Bonner Arbeitskreis für Fledermausschutz schlau gemacht habe, sieht es ganz danach aus, als wäre es eine Zwergfledermaus. (Es könnte theoretisch auch noch die Schwesterart Mückenfledermaus sein.)

Kurz nachdem ich sie gefilmt habe, ist sie dann zu ihrer Jagd ausgeflogen. Ich habe sie bei ihrem Abflug im letzten Büchsenlicht nur noch schemenhaft gesehen und konnte ihr auch gerade noch ein Waidmannsheil hinterher murmeln.

12.9.16 – ein Nachtrag über die offenbar nicht so seltene Tollwut bei Fledermäusen

Eine schöne Kanzel hat man nie alleine

Finden Sie das Wespennest?

Mit Wespen ist das so eine Sache. Wenn sie im Spätsommer über dem Quetschekuchen taumeln, dann ist Vorsicht angesagt. Die Biester sind aggressiv.

Und wer schon mal beim in den Kuchen beißen in die Lippe – oder sonstwie von einer Wespe gestochen wurde, der weiß, wie weh das tut. Es reicht eigentlich schon, wenn man mal dabei war, wo einer gestochen wurde, um zu wissen wie weh das tut. Ach, es reicht eigentlich schon, wenn man davon gehört hat, wie einer gestochen wurde, um zu wissen ..

Wespen sind gefährlich! Alle Wespen – wirklich?

Zum diesjährigen Aufgang der Jagd habe ich mir eine hohe Kanzel ausgesucht. Dieses Jahr sind erstmals mit den Böcken und den Schmalrehen auch die Einjährigen beim Rotwild gleich offen. Langsam aber sicher gewinnt bei den Jagdzeiten die Vernunft die Oberhand über – ja über was? – über alte Zöpfe, über Folklore?

Sei es drum. Wie ich oben auf der Leiter steh, mit einer Hand die Tür öffne und mit der anderen den Riemen der Waffe festhalte, fliegt eine Wespe auf mich zu. Oh Gott, eine Wespe, und meine Hände sind gebunden. In der Arbeitssicherheit nennt man das “Totmannschaltung”: Beide Hände an “Schaltern”, da kann man sie nicht in die Maschine bringen.

Zurück zur angreifenden Wespe. Was hätten Sie gemacht? Loslassen, um die Wespe weg zu wedeln, geht nicht. Am Ende liegt die teure Waffe unten oder gar man selber. Rückzug antreten, umrüsten und neu aufsteigen? Am 1. Mai, nachdem Sie 10 Minuten ohne auch nur ein Zweiglein zu brechen über den Pirschpfad angerückt sind? Im Leben nicht!

Also ich hab folgendes gemacht: Ich habe der Wespe entgegen geblasen. Gar nicht mal so stark. Ich wollte einfach mal probieren, ob sie sich davon beeindrucken lässt. Und tatsächlich. Sie wich ein bisschen zurück und ich ging ein bisschen vor. Und als ich dann ganz drin war, habe ich zu mir gesagt: So gefährlich ist die gar nicht. Mal sehen ob ich die nicht aus dem Fenster pusten kann.

Und das klappte – erst mal. Denn, sie war umgehend wieder drin, durch das nächste Fenster. Aber, sie kümmerte sich überhaupt nicht mehr um mich, sondern flog schnurstracks in die Ecke. Zu ihrem Nest. “Ach so”, habe ich gesagt, “Du wohnst hier. Na dann .. probieren wir mal aus, wie wir miteinander auskommen.”

Und was soll ich sagen: Sie flog ein paar mal weg, kam ein paar mal rein, baute außen und innen an ihrem Nest und – ganz wichtig – kümmerte sich fortan nicht mehr um mich. Offenbar hatte sie mich als ungefährlich eingestuft.

Die Wespe ist voll und ganz mit ihrem Nest beschäftigt

Dass nicht nur diese eine spezielle Wespe friedlich ist, sondern dass diese Wespen offenbar grundsätzlich nicht aggressiv sind – es könnte vom Nesttyp her die Sächsische Wespe sein – habe ich ein paar Tage später in einem mutigen 😉 Selbsttest heraus gefunden.

Als ich schon eine Weile in einer anderen Kanzel drin saß, kam eine Wespe aus einem ganz ähnlichen Nest oben unter dem Dach. Sie flog direkt auf mich zu und “stand” ein paar Sekunden ca 10 cm vor meiner Stirn in der Luft. Ich habe mich überhaupt nicht gerührt. Worauf sie zurück brummte, die Arbeit an ihrem Nest wieder aufnahm und sich nicht mehr um mich kümmerte.

Und als etwas später Alt- und Schmaltier auf die Wiese traten, habe ich die Wespe auch vergessen. Das Schmaltier wurde meine erste Beute dieses Jahr.

Auf Ansitz

Hase oder Häsin? Auf jeden Fall ein schöner Brocken. Und ein schöner Braten – ich muss schmunzeln. Dass man als Jäger immer gleich in solchen Kategorien denkt – schöner Braten.

Immerhin, es geht gut los. Ich leuchte mit dem Glas die Wiese ab. Und natürlich auch in die Bestandsränder rein, weil da ja das Rotwild gerne ein Weilchen verhofft, bevor es raus tritt. Aber nix iss’, im Moment. Ich bin ja auch früh da – rechtzeitig, wie ich hoffe.

Oh, wo ist jetzt der Hase? Eben war er doch noch da und jetzt finde ich ihn nicht mehr mit dem Glas. Und auch nicht ohne Glas, mit vollem Gesichtsfeld. Hm, schade.

Wenn ich mich weit drehe, dann knarzt der Sitz ein bisschen. Ob man das unten hört, auf der Wiese? Und wenn ja, ob sie es als natürliches Geräusch interpretieren werden? Besser, ich bewege mich vorsichtig. Man muss es nicht drauf anlegen. Es muss ja nicht knarzen.

Ahh, da ist er wieder. Der Hase. Jetzt knabbert er da in einem kleinen Grabenabschnitt links am Wiesenrand was Feines, wohl Ginster. Aus dieser Ecke könnte auch das Rotwild einwechseln. Könnte. Könnte aber auch von der anderen Seite kommen. Der Wind passt so oder so. Na ja, wir werden sehen.

Wenn es ein Hase ist, dann heißt er Rammler in Jägersprech, oder? Doch doch, so heißt er. Und die Häsin, die heißt Rammlerin? So wie bei Senner und Sennerin? Ich glaube eher nicht. Aber wie dann? So sehr ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Rammlerin, jedenfalls, habe ich zu den Akten gelegt. Ich werd’s nachschauen, nachher zu Hause, im Blase.

Die Zeit vergeht. Oha, jetzt machen zwei Eichelhäher mächtig Lärm. Ich bin schon in Habachtstellung; und gleich das Gewehr etwas fester gepackt. Aber es kommt nix aus der Richtung. Fehlalarm. Vielleicht haben die beiden sich auch nur gegenseitig gemeldet. Möglich ist es, oder?

Hase oder HäsinDie Rammlerin will mir nicht aus dem Kopf. Beim Hasen kann man die Geschlechter nicht so einfach unterscheiden. Jedenfalls dann nicht, wenn man ihn nicht in der Hand hat und auf den Rücken drehen kann. Ob das hier vorne ein Hase oder eine Häsin ist, ist beim besten Willen nicht zu entscheiden. Beim Rotwild ist das schon einfacher.

Heute Abend warte ich auf Kahlwild. Es zieht ein Rudel hier in der Gegend. Und sie sollten sich nicht mehr allzu viel Zeit lassen. Langsam wird’s duster. Büchsenlicht vielleicht noch eine halbe Stunde. Mehr jedenfalls nicht. Und da, plötzlich – Bewegung. Ganz links hinten – aus den Augenwinkeln gerade so mit gekriegt.

Langsam das Glas hoch (vorsichtig, wegen dem Knarzen). Ich seh nix. Mist, ich seh nix. Keine Bewegung, keine bekannte Silhouette, kein Hirschrot im dunklen waldgrün-braun.

Ah jetzt. Ein neuer Hase auf der Bildfläche. Nein, ein neuer halber Hase, um genau zu sein. Ein Kleiner. Und mit ein paar flotten Sprüngen ist er beim Großen. Und jetzt machen die beiden ein kleines Tänzchen. Wer fängt wen?

Der Kleine ist ein bisschen flinker unterwegs und kreist zwei drei mal um den Großen. Der macht ein bisschen mit. Aber nicht mit vollem Einsatz. Genau so wie es Erwachsene tun, wenn Sie einem Kind was vor machen: Pass auf, ich krieg dich!

Und was passiert jetzt? Der Kleine kriecht zwischen den Vorderbeinen des Großen förmlich in diesen hinein. Und dann, tief unten angekommen, dreht er sich auf den Rücken. Sein weißes Bauchfell leuchtet in der Dämmerung. Er säugt. Die Häsin leckt ihm dabei das Bäuchlein. Ich habe sie ganz scharf im Glas, die beiden.

Wie lange geht das? Sind’s zwei, sind’s drei Minuten? Die Häsin rutscht weg. Sie will nicht mehr, auch wenn der kleine Hase drängt. Milch scheint auch nicht mehr seine einzige Nahrung zu sein. Eher ein Zubrot, würde ich sagen. Jetzt mümmeln sie nämlich beide, einträchtig nebeneinander, irgendwas Grünes auf der Wiese.

Und jetzt ist es eigentlich rum für mich. Gerade vergeht das letzte Büchsenlicht. Ich leuchte noch ein mal den Bestandsrand ab – und ja, nix geht mehr. Der Wald steht da wie eine schwarze Wand. Feierabend, ich baum’ hier ab.

Schnell noch mal nach den Hasen gucken. Sie trennen sich. Hier vorne, noch gut als Umriss zu erkennen, die Häsin. Und da, schon 20 – 30 Schritte weg, der Kleine. Noch ein paar Hoppler und ich kann ihn auch im Glas nicht mehr sehen.

Ich packe meine Siebensachen und mache mich auf den Weg zum Auto. Mir geht’s gut. War ein schöner Ansitz.