Auf Ansitz

Hase oder Häsin? Auf jeden Fall ein schöner Brocken. Und ein schöner Braten – ich muss schmunzeln. Dass man als Jäger immer gleich in solchen Kategorien denkt – schöner Braten.

Immerhin, es geht gut los. Ich leuchte mit dem Glas die Wiese ab. Und natürlich auch in die Bestandsränder rein, weil da ja das Rotwild gerne ein Weilchen verhofft, bevor es raus tritt. Aber nix iss’, im Moment. Ich bin ja auch früh da – rechtzeitig, wie ich hoffe.

Oh, wo ist jetzt der Hase? Eben war er doch noch da und jetzt finde ich ihn nicht mehr mit dem Glas. Und auch nicht ohne Glas, mit vollem Gesichtsfeld. Hm, schade.

Wenn ich mich weit drehe, dann knarzt der Sitz ein bisschen. Ob man das unten hört, auf der Wiese? Und wenn ja, ob sie es als natürliches Geräusch interpretieren werden? Besser, ich bewege mich vorsichtig. Man muss es nicht drauf anlegen. Es muss ja nicht knarzen.

Ahh, da ist er wieder. Der Hase. Jetzt knabbert er da in einem kleinen Grabenabschnitt links am Wiesenrand was Feines, wohl Ginster. Aus dieser Ecke könnte auch das Rotwild einwechseln. Könnte. Könnte aber auch von der anderen Seite kommen. Der Wind passt so oder so. Na ja, wir werden sehen.

Wenn es ein Hase ist, dann heißt er Rammler in Jägersprech, oder? Doch doch, so heißt er. Und die Häsin, die heißt Rammlerin? So wie bei Senner und Sennerin? Ich glaube eher nicht. Aber wie dann? So sehr ich mich auch anstrenge, es will mir nicht einfallen. Rammlerin, jedenfalls, habe ich zu den Akten gelegt. Ich werd’s nachschauen, nachher zu Hause, im Blase.

Die Zeit vergeht. Oha, jetzt machen zwei Eichelhäher mächtig Lärm. Ich bin schon in Habachtstellung; und gleich das Gewehr etwas fester gepackt. Aber es kommt nix aus der Richtung. Fehlalarm. Vielleicht haben die beiden sich auch nur gegenseitig gemeldet. Möglich ist es, oder?

Hase oder HäsinDie Rammlerin will mir nicht aus dem Kopf. Beim Hasen kann man die Geschlechter nicht so einfach unterscheiden. Jedenfalls dann nicht, wenn man ihn nicht in der Hand hat und auf den Rücken drehen kann. Ob das hier vorne ein Hase oder eine Häsin ist, ist beim besten Willen nicht zu entscheiden. Beim Rotwild ist das schon einfacher.

Heute Abend warte ich auf Kahlwild. Es zieht ein Rudel hier in der Gegend. Und sie sollten sich nicht mehr allzu viel Zeit lassen. Langsam wird’s duster. Büchsenlicht vielleicht noch eine halbe Stunde. Mehr jedenfalls nicht. Und da, plötzlich – Bewegung. Ganz links hinten – aus den Augenwinkeln gerade so mit gekriegt.

Langsam das Glas hoch (vorsichtig, wegen dem Knarzen). Ich seh nix. Mist, ich seh nix. Keine Bewegung, keine bekannte Silhouette, kein Hirschrot im dunklen waldgrün-braun.

Ah jetzt. Ein neuer Hase auf der Bildfläche. Nein, ein neuer halber Hase, um genau zu sein. Ein Kleiner. Und mit ein paar flotten Sprüngen ist er beim Großen. Und jetzt machen die beiden ein kleines Tänzchen. Wer fängt wen?

Der Kleine ist ein bisschen flinker unterwegs und kreist zwei drei mal um den Großen. Der macht ein bisschen mit. Aber nicht mit vollem Einsatz. Genau so wie es Erwachsene tun, wenn Sie einem Kind was vor machen: Pass auf, ich krieg dich!

Und was passiert jetzt? Der Kleine kriecht zwischen den Vorderbeinen des Großen förmlich in diesen hinein. Und dann, tief unten angekommen, dreht er sich auf den Rücken. Sein weißes Bauchfell leuchtet in der Dämmerung. Er säugt. Die Häsin leckt ihm dabei das Bäuchlein. Ich habe sie ganz scharf im Glas, die beiden.

Wie lange geht das? Sind’s zwei, sind’s drei Minuten? Die Häsin rutscht weg. Sie will nicht mehr, auch wenn der kleine Hase drängt. Milch scheint auch nicht mehr seine einzige Nahrung zu sein. Eher ein Zubrot, würde ich sagen. Jetzt mümmeln sie nämlich beide, einträchtig nebeneinander, irgendwas Grünes auf der Wiese.

Und jetzt ist es eigentlich rum für mich. Gerade vergeht das letzte Büchsenlicht. Ich leuchte noch ein mal den Bestandsrand ab – und ja, nix geht mehr. Der Wald steht da wie eine schwarze Wand. Feierabend, ich baum’ hier ab.

Schnell noch mal nach den Hasen gucken. Sie trennen sich. Hier vorne, noch gut als Umriss zu erkennen, die Häsin. Und da, schon 20 – 30 Schritte weg, der Kleine. Noch ein paar Hoppler und ich kann ihn auch im Glas nicht mehr sehen.

Ich packe meine Siebensachen und mache mich auf den Weg zum Auto. Mir geht’s gut. War ein schöner Ansitz.